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Demenz – Ich bin überfordert

Illustration: Überforderung bei Demenz

Verhalten bei Demenz ist mehr als ein Krankheitssymptom – es ist zunächst eine menschliche Reaktion auf Überforderung.

Bei Demenz neigen wir oft dazu, jedes ungewöhnliche Verhalten allein mit der Erkrankung zu erklären. Doch das greift zu kurz: Die Demenz selbst überfordert den betroffenen Menschen – er kommt mit der Umwelt, mit Reizen, mit Anforderungen nicht mehr so gut zurecht wie früher. Wie sich eine Demenz von innen anfühlt, können wir nur schwer nachvollziehen. Aber wie sich Überforderung anfühlt, das kennen wir alle aus eigener Erfahrung. Genau darin liegt die Chance: Wenn wir ein Verhalten als Überforderung verstehen – und nicht als Symptom einer Krankheit – können wir oft intuitiv richtig darauf reagieren, so wie wir es auch bei überforderten Menschen ohne Demenz tun würden.

Gesprächsimpuls

Woran erkennen Sie Überforderung?

Denken Sie an sich selbst oder an Menschen, die Sie begleiten: Woran merken Sie, dass jemand gerade überfordert ist?

Jeder Mensch ist in unterschiedlichen Situationen überfordert – manche selten, andere häufiger. Das macht Überforderung so individuell. Aufgrund der gemeinsamen Merkmale einer Demenz sind bestimmte Anzeichen von Überforderung und Hilflosigkeit dennoch typisch.

Man unterscheidet dabei grundsätzlich zwei Erscheinungsbilder: ein herausforderndes (z. B. Unruhe, Abwehr, lautes Verhalten) und ein depressives (z. B. Rückzug, Passivität, Weinen).

Tippen Sie auf eine Karte, um das Fachwissen dahinter zu sehen.

Läuft ziellos umher

Herausforderndes Erscheinungsbild

Antippen zum Umdrehen

Kann auf das Bedürfnis nach Bewegung, Aktivität oder Orientierung hinweisen.

Schimpft, beleidigt

Herausforderndes Erscheinungsbild

Antippen zum Umdrehen

Kann auf das Bedürfnis hinweisen, verstanden und ernst genommen zu werden.

Klammert sich an Personen oder Gegenstände

Herausforderndes Erscheinungsbild

Antippen zum Umdrehen

Kann auf das Bedürfnis nach Halt, Sicherheit und Nähe hinweisen.

Körperliche Abwehrreaktionen: beißt, kratzt, kneift, stößt weg oder schlägt um sich

Herausforderndes Erscheinungsbild

Antippen zum Umdrehen

Kann auf das Bedürfnis nach Schutz und Distanz hinweisen, wenn sich jemand bedrängt oder bedroht fühlt.

Versucht wegzulaufen oder die Einrichtung zu verlassen

Herausforderndes Erscheinungsbild

Antippen zum Umdrehen

Kann auf das Bedürfnis nach Vertrautheit und Zugehörigkeit hinweisen – oft verbunden mit dem Wunsch „nach Hause“.

Ruft ständig, wiederholt oder ruft nach Personen

Herausforderndes Erscheinungsbild

Antippen zum Umdrehen

Kann auf das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Kontakt oder Sicherheit hinweisen.

Zeigt sexuell anzügliches Verhalten

Herausforderndes Erscheinungsbild

Antippen zum Umdrehen

Kann auf das Bedürfnis nach Nähe, Zuwendung oder Körperkontakt hinweisen – kein gezieltes Fehlverhalten.

Klopft ständig, klatscht in die Hände

Herausforderndes Erscheinungsbild

Antippen zum Umdrehen

Kann auf das Bedürfnis nach Bewegung und Reizverarbeitung hinweisen.

Schreit laut, oft plötzlich

Herausforderndes Erscheinungsbild

Antippen zum Umdrehen

Kann auf das Bedürfnis nach Sicherheit oder Hilfe hinweisen, etwa bei Angst oder Schmerz.

Weint – leise und zurückgezogen, oder anhaltend mit Händeringen

Depressives Erscheinungsbild

Antippen zum Umdrehen

Kann auf das Bedürfnis nach Trost und Nähe hinweisen.

Beteiligt sich nicht, wenn eine frühere Lieblingsbeschäftigung angeboten wird – bleibt sitzen, wendet sich ab oder reagiert gar nicht darauf; lächelt dabei auch nicht mehr

Depressives Erscheinungsbild

Antippen zum Umdrehen

Kann auf das Bedürfnis nach Zuwendung ohne Erwartungsdruck hinweisen.

Wendet sich ab, reagiert nicht oder bleibt passiv, wenn ihr etwas angeboten wird (z. B. Hilfe, Gesellschaft, eine Mahlzeit) – ohne erkennbaren äußeren Anlass

Depressives Erscheinungsbild

Antippen zum Umdrehen

Kann auf das Bedürfnis nach Ruhe hinweisen.

Wenn die Überforderung bereits eingetreten ist, geht es zunächst nicht darum, den Menschen zu korrigieren, zu überzeugen oder das Verhalten möglichst schnell zu beenden. Die erste Aufgabe besteht darin, den Menschen in seiner aktuellen Situation aufzufangen und seine Gefühle ernst zu nehmen. Im Grunde ist genau das Validation nach .

Grundprinzipien der Validation

  • Wahrnehmen: „Sie wirken gerade sehr unruhig.“
  • Gefühle benennen und bestätigen: „Das macht Sie wütend.“ / „Das scheint Ihnen Angst zu machen.“
  • Nicht korrigieren oder diskutieren: nicht sofort erklären, warum etwas „nicht stimmt“ oder warum der Mensch sich anders verhalten sollte
  • Das Bedürfnis suchen: „Was brauchen Sie gerade?“ / „Was würde Ihnen jetzt helfen?“
  • Sicherheit vermitteln: „Ich bin bei Ihnen.“ / „Wir machen langsam.“ / „Wir müssen das jetzt nicht sofort machen.“
Merksatz

Validieren heißt nicht nur, die richtigen Worte zu finden. Blick, Haltung, Abstand, Tempo, Berührung und manchmal einfach nur Dableiben können vermitteln: „Ich sehe, wie es Ihnen gerade geht.“

Es gibt zwei Wege, validierend zu reagieren: mit Worten nachfragen, was hinter dem Verhalten steckt – oder ganz ohne Worte, über Blick, Haltung und Nähe. Da bei Demenz das Sprachverständnis abnehmen kann, wird die nonverbale Ebene oft noch wichtiger als das Gesagte. Das gilt im Übrigen für uns alle: Ob jemand ehrlich und zugewandt ist, spüren wir oft eher über Tonfall und Körpersprache als über die Worte selbst.

Bevor es weitergeht: Was Verhalten bedeuten kann – und wohin der Blick jetzt wechselt.

Zwischenfazit

Verhalten ist nicht einfach „die Demenz“

Menschen mit Demenz haben weiterhin allgemein menschliche Gefühle und Bedürfnisse. Wenn sie diese nicht mehr mit Worten ausdrücken oder selbstständig erfüllen können, kann ihr Verhalten zu einer Form der Kommunikation werden.

Ein zentraler Verdienst der Validation ist deshalb der Perspektivwechsel: Wir fragen nicht nur, wie wir ein Verhalten beenden können, sondern was der Mensch fühlt oder benötigt.

Auch andere Modelle setzen genau hier an: Sie stellen die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz in den Mittelpunkt – allerdings jeweils mit einem anderen Fokus.

Böhm

Biografische Prägungen, Gewohnheiten und Bewältigungsstrategien verstehen

folgt in einem eigenen Thema
Kitwood

Grundlegende psychologische Bedürfnisse und Personsein berücksichtigen

folgt in einem eigenen Thema
Milieutherapie

Umgebung an Biografie, Bedürfnisse und Fähigkeiten anpassen

folgt in einem eigenen Thema
Jetzt wechseln wir den Blick

Nicht jedes Verhalten muss tiefgehend gedeutet werden. Manchmal ist die konkrete Situation aufgrund der demenzbedingten Beeinträchtigungen einfach nicht mehr zu bewältigen. Im folgenden Abschnitt fragen wir deshalb: Was ist an dieser Situation zu viel – und wie können wir die Anforderung anpassen?

Manchmal scheitert eine ganz alltägliche Situation: Der Mensch beginnt nicht zu essen, findet das passende Wort nicht mehr oder weiß nicht, wie er den Löffel benutzen soll. Um solche Situationen zu verstehen und ihnen vorzubeugen, hilft ein Blick auf die kognitiven Fähigkeiten, die bei einer Demenz nachlassen können. Die folgenden sechs Störungsbilder zeigen die zentralen Bereiche. Klicken Sie auf einen Begriff, um die Erklärung aufzuklappen.

Hinweis

Es gibt verschiedene Formen von Demenz – etwa Alzheimer-Demenz, vaskuläre Demenz, Lewy-Körper-Demenz und frontotemporale Demenz (früher auch Morbus Pick genannt). Vor allem im fortgeschrittenen Verlauf ähneln sich die Symptome oft stark – unterschiedlich sind sie vor allem am Anfang der Erkrankung.

Demenzbedingte Beeinträchtigungen können dazu führen, dass alltägliche Anforderungen nicht mehr verstanden oder bewältigt werden können. Zu jeder Beeinträchtigung gibt es Möglichkeiten, Kommunikation, Handlung und Umgebung so anzupassen, dass weniger Überforderung entsteht.

12 Fragen zu Störungsbildern, Validation und Alltagsmaßnahmen – mit direkter Rückmeldung, ob die Antwort stimmt.

Dieser Bereich ist für den Unterricht vorgesehen. Bitte das Bestätigungswort von der Dozentin/dem Dozenten eingeben, um das Quiz zu starten.

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