Böhm – Psychobiografische Pflegemodell

Psychobiografisches Pflegemodell nach Böhm

Zur Person

Der Mensch hinter dem Modell

Erwin Böhm, Wiener, Jahrgang 1940. Sein Modell ist nicht am Schreibtisch entstanden, sondern aus Beobachtungen im Pflegealltag.

  1. bis 1963

    Vom Autospengler zum psychiatrischen Pfleger

    Böhm lernt zunächst den Beruf des Autospenglers. 1963 erhält er das Diplom als psychiatrischer Krankenpfleger und arbeitet danach in verschiedenen psychiatrischen Fachrichtungen.

  2. 1960er und 1970er

    Wem alles abgenommen wird, der hört auf zu leben

    Pflegende nehmen den Bewohnern alles ab. Die Menschen werden versorgt, aber nicht mehr zum eigenen Tun angeregt. Böhm nennt das Hotelisierung: Die Menschen ziehen sich zurück, sie gehen „sterben“. Als er ihnen Tätigkeiten zurückgeben will, merkt er: Nur was sie früher schon getan haben, lässt sich wieder wecken. Damit kommt die Biografie ins Spiel.

  3. 1978 und 1979

    Für seine Überzeugung nimmt er Ärger in Kauf

    1978 wird ein Disziplinarverfahren gegen ihn eingeleitet: Er hat einen psychogeriatrischen Patienten gegen den Rat der Ärzte zur Pflege in seine eigene Wohnung aufgenommen. Ein Jahr später wird im Zuge der Wiener Psychiatriereform sein Modell der Übergangspflege umgesetzt, ein Entlassungsmanagement, das auch das Umfeld der Menschen einbezieht.

  4. ab 1983

    Aus der Praxis wird ein anerkanntes Modell

    Böhm entwickelt die Reaktivierende Pflege, 1985 anerkannt vom Weltkongress für Geriatrie in New York. 1988 erscheint „Verwirrt nicht die Verwirrten“. Die Grundlagen dieser Seite stammen aus „Psychobiographisches Pflegemodell nach Böhm“ (Band 1: Grundlagen, Band 2: Arbeitsbuch). 2001 gründet er mit Marc Avarello das Europäische Netzwerk für Psychobiografische Pflegeforschung (ENPP), das bis heute schult und Einrichtungen zertifiziert.

Merksatz: Böhms Modell beginnt mit einer Frage aus dem Pflegealltag: Warum hören Menschen im Heim auf zu leben?

Einordnung Merke

Baustein 1

Ein Vogel fliegt nur mit zwei Flügeln

Der Mensch braucht Denken und Fühlen, um im Leben zu „fliegen“. Böhm setzt deshalb dort an, wo Pflege oft nicht hinsieht: bei den Gefühlen.

Vogel mit zwei Flügeln Der linke Flügel steht für Kognition (noopsychisch), der rechte Flügel für Gefühle (thymopsychisch). Kognition noopsychisch Gefühle thymopsychisch
Böhms Bild vom Vogel: Nur mit beiden Flügeln kommt der Mensch in die Luft.

Kognition

noopsychisch

Denken, Verstehen, Orientieren, Erinnern.

Gefühle

thymopsychisch

Empfinden, Bewerten, sich bedeutsam fühlen.

Kurz überlegt

Bei welchem Menschen haben Sie erlebt, dass ein Gespräch über Zahlen und Fakten nicht ankam, ein vertrautes Lied oder eine Geschichte aber schon?

Merksatz: Wird ein Flügel schwächer, fliegt der Vogel nicht mehr. Der andere Flügel gleicht das nicht einfach aus. Er muss gezielt angesprochen werden.

Einordnung Merke

Baustein 2

Die Seele vor den Beinen

Bevor ein Mensch wieder etwas tun will, muss es ihm seelisch besser gehen.

Körperlich bewegt werden Seelisch aktiviert werden
Waschen, in den Speiseraum begleiten, Übungen durchführen Etwas Vertrautes und Bedeutsames anbieten, das dem Befinden guttut
Der Mensch wird versorgt und bewegt Der Mensch kann eigene Strategien anwenden
Fragt: „Was kann er noch?“ Fragt: „Was tut ihm gut?“

„Die Seele muss vor den Beinen reaktiviert werden.“

Böhm
Kurz überlegt

Denken Sie an eine Mobilisation, die Sie zuletzt durchgeführt oder beobachtet haben. Was hat der Mensch dabei gefühlt?

Merksatz: Menschen zu bewegen reicht nicht. Die Frage ist, was sie bewegt. Aktivität ist die Folge von innerem Antrieb, und was einen Menschen antreibt, ist von Person zu Person unterschiedlich.

  1. Befinden bessern
  2. Eigene Strategie anwenden
  3. Eigenaktivität als Folge

Baustein 3

Woher wissen wir, was ihm guttut und ihn antreibt?

Fragen wir ihn, bekommen wir oft keine Antwort. Manche Menschen können es nicht mehr sagen. Andere haben es nie in Worte gefasst.

Kurz überlegt

Wie würden Sie es herausfinden? Sammeln Sie Wege. Und prüfen Sie dann: Welcher dieser Wege sagt Ihnen wirklich etwas über Gefühle, was ihn antreibt?

Böhms Antwort

Über die Biografie.

Allerdings anders, als sie meist erhoben wird. Das zeigt der nächste Baustein.

Merksatz: Was einen Menschen „bewegt“, ist durch sein Leben geprägt.

Baustein 4

Zwei Arten von Biografie

Zuletzt: Böhms Antwort auf die Frage, was einen Menschen antreibt, lautet: die Biografie.

Böhm erhebt sie anders als üblich. Er sammelt keine Daten, er lässt Geschichten erzählen.

Biografie als Daten Biografie nach Böhm
Geburtsort, Beruf, Familienstand, Hobbys Geschichten, die der Mensch erzählt
Ergibt ein Formular Zeigt, was ihn im Leben bewegt hat und wie er damit umgegangen ist
Fragt: „Was ist er gewesen?“ Fragt: „Was hat ihm etwas bedeutet, und wie hat er es bewältigt?“

Bewegt kam schon in Baustein 2 vor, in beiden Bedeutungen. Hier geht es um die seelische: was einen Menschen in seinem Leben bewegt hat.

Frau Köhler

Ein Datenblatt

Geboren
1943
Beruf
im Verkauf tätig
Familienstand
verwitwet
Kinder
zwei erwachsene Kinder

Alles stimmt. Aber was verrät es über ihre Angst, ihren Stolz, das, was sie beruhigt, und darüber, wie sie schwierige Zeiten durchgestanden hat?

Kurz überlegt

Was wissen Sie über Frau Köhler, und was wissen Sie nicht? Mit welcher einen Frage würden Sie anfangen?

Merksatz: Biografiearbeit sammelt keine Daten. Sie sucht nach den Geschichten, in denen sichtbar wird, was einen Menschen bewegt hat und wie er damit umgegangen ist.

Baustein 5

Erzählen entlastet

Zuletzt: Böhm lässt Geschichten erzählen, statt Daten zu sammeln.

Wer seine Lebensgeschichte erzählen darf, wird oft schon dadurch ruhiger.

Entlastungsgespräch

So nennt Böhm das Erzählenlassen. Das Reden über sich selbst kann Angst lindern und inneren Druck vermindern.

Was das Erzählen sichtbar macht

Mit dem Erzählen zeigt ein Mensch, dass er

  • ein Ich und eine eigene Identität hat,
  • Erfahrungen gemacht hat, die andere so nicht gemacht haben,
  • einzigartig ist,
  • soziale Basiskompetenzen besitzt.
Kurz überlegt

Denken Sie an ein Gespräch, nach dem ein Mensch spürbar ruhiger wirkte. Was hat er erzählt?

Merksatz: Erzählen lassen wirkt schon selbst: Es entlastet.

Baustein 6

Was erzählt wird, hat eine Zeit

„Altenpflege braucht Geschichtsunterricht!“

Böhm

Wer einen alten Menschen verstehen will, muss wissen, in welcher Welt er Kind, Jugendlicher und junger Erwachsener war.

Krieg, Flucht, Mangel, politische Veränderungen und gesellschaftliche Umbrüche prägen Menschen. Sie prägen auch, wie sie gelernt haben, mit Belastung umzugehen.

Kurz überlegt

Stellen Sie sich vor, Sie sind 80. Wie sind Sie als 80-Jähriger im Heim? Was treibt Sie an? Was möchten Sie nicht, und warum?

Baustein 7

Was prägt einen Menschen?

Die Zeit ist nur ein Teil. Vier Dinge wirken zusammen und prägen, wer ein Mensch geworden ist.

Das Individuelle

Jeder Mensch bringt seine eigene Person mit.

Die Entwicklungsschritte

Schritte, die jeder Mensch durchläuft, zum Beispiel Kindheit, Pubertät und Erwachsenwerden.

Die Gesellschaft

Die Gesellschaft und die Zeit, in der ein Mensch aufwächst.

Die Sozialisation

Ein lebenslanger Lernprozess, in dem sich ein Mensch an Kultur, Gesellschaft und deren Normen anpasst.

Primär
Familie und unmittelbare Umgebung
Sekundär
Kindergarten, Hort und Schule
Tertiär
Arbeitskollegen, Vorgesetzte und das weitere Berufsleben

Merksatz: Was einen Menschen prägt, ist nie nur eines. Das Individuelle, die Entwicklungsschritte, die Gesellschaft und die Sozialisation wirken zusammen.

Baustein 8

Das Bedürfnis bleibt, die Strategie ändert sich

Coping

Coping bezeichnet die Strategien, mit denen ein Mensch Bedürfnisse befriedigt, Ziele erreicht und schwierige Situationen bewältigt. Böhm nennt es Lebensbewältigungsmechanismus und versteht darunter auch ein erlerntes Lebensmuster.

Die grundlegenden Strategien lernt ein Mensch nach Böhm vor allem in den ersten 25 Lebensjahren (S. 200).

Kurz überlegt

Sortieren Sie Frau Köhlers Geschichte nach Lebensphasen: als Kleinkind, als Kind, im Erwachsenenleben, heute. Ist ein Muster zu erkennen?

Frau Köhler

Bedürfnis in jeder Zeile gleich: gebraucht werden, Verantwortung tragen

Lebensphase So zeigt sich das Bedürfnis
KleinkindHat viel mit der Großmutter gebacken
KindHalf schon morgens in der Backstube ihrer Eltern
ErwachseneFührte mit ihrem Mann die eigene Bäckerei, öffnete morgens um sechs den Verkaufsraum
Hohes AlterSteht früh auf: der Teig müsse in den Ofen, gleich kämen die ersten Kunden

Merksatz: Das Bedürfnis bleibt. Die Strategie dafür lernt der Mensch früh, und ihre sichtbare Form wird im Laufe des Lebens sozial angepasst.

Baustein 9

Nicht die Handlung, das Gefühl dahinter

Backen mit der Großmutter war eine Handlung. Böhm fragt nicht danach, was jemand getan hat, sondern was es für ihn bedeutet hat.

Kurz überlegt

Was könnte in den einzelnen Lebensphasen dahinterstecken: als Kleinkind, als Kind, im Erwachsenenleben, heute?

Was dahinterstecken kann

Nähe

Zeit mit der Großmutter, gemeinsam tätig sein.

Liebe

Zuwendung, die über das Tun vermittelt wurde.

Sattsein und Sicherheit

In Zeiten des Mangels: genug zu essen haben und wissen, dass vorgesorgt ist.

Merksatz: Nicht das Verhalten allein zählt. Entscheidend ist, welches Gefühl und welches Bedürfnis darin sichtbar werden.

Baustein 10

Die Lebenstreppe

Zuletzt: Nicht das Verhalten allein zählt. Entscheidend ist das Gefühl und Bedürfnis dahinter.

Böhm zeichnet das ganze Leben als Treppe: hinauf bis etwa zum 25. Lebensjahr, oben der Erwachsene, dann hinab in sieben Stufen.

Böhms LebenstreppeLinks steigt das Leben in sieben Stufen bis zum Erwachsenen an, rechts fällt es in sieben Stufen wieder ab, wenn vertraute Strategien nicht mehr zur Verfügung stehen.Erwachsenermit gefestigtenStrategienAufstiegRückfall

Aufstieg bis 25

  • Säuglingszeit
  • Kindheit
  • Schulkindalter
  • Jugendlicher
  • Pubertät
  • Entwicklung bis 25
  • Höhe des Lebens

In jedem Abschnitt wird die Strategie an das Lebensalter angepasst.

Rückfall

Wirkt die aktuelle Strategie nicht mehr, greift der Mensch auf eine frühere zurück. Das Problem dabei: Diese frühere Strategie passt nicht mehr zur Situation und gilt nicht mehr als sozial anerkannt.

Vereinfacht nachgezeichnet nach Böhm, Abb. 16, S. 200

Merksatz: Bis etwa zum 25. Lebensjahr passt der Mensch seine Strategien laufend an. Wirkt eine Strategie später nicht mehr, fällt er auf eine frühere zurück, die aber nicht mehr passt.

Was passiert, wenn diese gefestigten Strategien im Alter nicht mehr zur Verfügung stehen?

Baustein 11

Wenn vertraute Strategien wegfallen

Zuletzt: Was ein Mensch von unten nach oben lernt, verliert er in umgekehrter Reihenfolge.

Im Alter können Menschen ihre sozial anerkannten Strategien nicht mehr einsetzen.

Die erwachsenen, sozial angepassten Strategien stehen im Alter möglicherweise nicht mehr zur Verfügung.

Wodurch Strategien verloren gehen können

  • Einzug in eine Pflegeeinrichtung
  • Verlust vertrauter Rollen und Aufgaben
  • Verlust von Selbstständigkeit und Kontrolle
  • Kognitive Abbauprozesse

Merksatz: Im Heim oder im Alter gehen genau die Strategien häufig verloren, die sozial am weitesten entwickelt und am stärksten an die Erwachsenenwelt angepasst waren.

Was passiert, wenn auch die letzte vertraute Strategie fehlt?

Baustein 12

Das Umkehrphänomen

Zuletzt: Was passiert, wenn auch die letzte vertraute Strategie fehlt?

Kurz überlegt

Welches Verhalten könnte Frau Köhler zeigen, wenn ihre Demenz fortschreitet?

Frau Köhler, rückwärts
  1. Führte selbstständig ihre eigene Bäckerei, organisierte den TagesablaufErwachsene, sozial angepasst
  2. Hortet Brot und Brötchen in der Kittelschürze: „Kein Krümel wird weggeworfen“Kindheit, Nachkriegszeit
  3. Steht früh auf, sucht die Backstube, will den Teig in den Ofen bringenNicht mehr angepasst
  4. Klammert sich am Rollator fest, wehrt sich lautstarkKindlich-reaktiv
  5. Spielt mit dem Essen, knetet es wie TeigFiktiv: mögliche weitere Entwicklung

Das Bedürfnis bleibt, die verfügbare Ausdrucksform geht zurück. Die letzte Stufe ist fiktiv ergänzt.

Umkehrphänomen

Kann ein Mensch eine später erworbene Strategie nicht mehr anwenden, fällt er auf eine frühere, nächstniedrigere zurück. Steht auch die nicht mehr zur Verfügung, geht es weiter zurück, bis zu Ausdrucksweisen der frühen Kindheit. Das bezeichnet Böhm als Umkehrphänomen.

Merksatz: Beim Umkehrphänomen bleibt das Bedürfnis. Der Mensch greift auf frühere Strategien zurück.

Wie weit zurück kann dieser Weg führen?

Baustein 13

Zwischenfazit: Verstehen ist nicht genug

Bis hierher haben wir gelernt, Verhalten biografisch zu verstehen. Die Frage bleibt: Wie schaffe ich es als Pflegekraft, dass sich der Mensch in seiner Umgebung wieder als Person wohlfühlt und sich angesprochen fühlt?

Es braucht Angebote, mit denen der Mensch sich in seiner Person, seinen Bedürfnissen und seinen gewohnten Strategien noch verwirklichen kann.

Wie erreiche ich einen Menschen auf der Ebene, auf der er gerade steht?

Baustein 14

Dort ansprechen, wo der Mensch erreichbar ist

Zuletzt: Wie erreiche ich einen Menschen auf der Ebene, auf der er gerade steht?

Beim Umkehrphänomen geht der Mensch die eigene Entwicklungstreppe wieder hinunter. Böhm spricht ihn genau auf der Stufe an, auf der er gerade steht. Er übt keinen Druck aus und korrigiert nicht rational.

Böhms Lebenstreppe mit den ErreichbarkeitsstufenLinks steigt das Leben in sieben Stufen bis zum Erwachsenen an, rechts fällt es in den sieben Erreichbarkeitsstufen wieder ab.Erwachsenermit gefestigtenStrategien1234567AufstiegRückfall

Aufstieg bis 25

  • Höhe des Lebens
  • Entwicklung bis 25
  • Pubertät
  • Jugendlicher
  • Schulkindalter
  • Kindheit
  • Säuglingszeit

Rückfall: die Erreichbarkeitsstufen

  1. Sozialisation
  2. Mutterwitz
  3. Emotionale Grundbedürfnisse
  4. Prägungen
  5. Triebe und Motive
  6. Intuition
  7. Urkommunikation

Vereinfacht nachgezeichnet nach Böhm, Abb. 16, S. 200

Kurz überlegt

Ein Mensch ruft laut und wiederholt dieselbe Forderung. Wie wirkt es auf ihn, wenn Sie ihm erklären, warum er nicht rufen soll? Und wie, wenn Sie etwas Vertrautes anbieten?

Das Ziel

Ein gefühlsmäßig positiv besetztes Echo.

Merksatz: Erst die passende Ansprache auf der jeweiligen Stufe macht ein positives Echo möglich, nicht die Korrektur.

Baustein 15

Die Stufen 1 bis 3

Zuletzt: Böhm spricht den Menschen dort an, wo er emotional erreichbar ist.

Die ersten drei Stufen der Treppe. Tippen Sie eine Karte an.

Stufe 1: Sozialisation

Wo der Mensch erreichbar ist

Ein kognitives Gespräch ist noch möglich. Gesprächsinhalt und Gefühlsleben können jedoch auseinanderfallen. Der Mensch orientiert sich an der Gegenwart, an gesellschaftlichen Normen und vertrauten sozialen Rollen.

Ansprache und Impuls

Erwachsen und respektvoll ansprechen. Frühere Rollen und vertraute biografische Themen aufgreifen. Redewendungen und Sprichwörter können einen emotionalen Zugang eröffnen.

Stufe 2: Mutterwitz

Wo der Mensch erreichbar ist

Der Zugang ist direkter, gefühlsnäher und lebensweltlicher: Mundart, Dialekt, Humor, eine Ausdrucksweise, wie einem der Schnabel gewachsen ist.

Ansprache und Impuls

Direkt, lebensnah und gefühlsbetont sprechen.

Wichtig

Nur authentisch und wertschätzend. Mundart oder direkte Rede niemals künstlich nachahmen und niemals benutzen, um einen Menschen lächerlich zu machen.

Stufe 3: Emotionale Grundbedürfnisse

Wo der Mensch erreichbar ist

Eine angemessene kognitive und verbale Reaktion ist kaum noch möglich. Der Mensch orientiert sich an elementaren Grundbedürfnissen. Das kann sich in suchendem Verhalten zeigen.

Ansprache und Impuls

Nicht nur das Bedürfnis versorgen, sondern seine biografisch vertraute Form aufgreifen: Tageszeiten, Rituale, Gewohnheiten, Speisen, Kleidung, Orte und Abläufe.

Beispiel Essen

Nicht „Essen“ als Grundbedürfnis, sondern Essen, wie dieser Mensch es gelebt hat: Lieblingsessen, Zeiten, Reihenfolge, Tischrituale, Speisen, die trösten.

Beispiel Schlafen

Frühere Schlafzeiten, Rituale, Orte, Lichtverhältnisse und beruflich geprägte Rhythmen.

Einordnung Merke: Hier kann Pflege leicht in das AEDL-Muster zurückfallen. Böhm meint das Bedürfnis biografisch.

Kurz überlegt

Welche dieser drei Stufen ist Ihnen im Pflegealltag schon begegnet? Woran haben Sie es gemerkt?

Baustein 16

Die Stufen 4 bis 7

Zuletzt: Stufe 1 bis 3: Gespräch, vertraute Sprache und Grundbedürfnisse in ihrer biografischen Form.

Die tieferen Stufen der Treppe. Tippen Sie eine Karte an.

Stufe 4: Prägungen

Wo der Mensch erreichbar ist

Prägungen sind erlernte, wiederholte und fest eingespielte Verhaltensnormen. Sie beginnen früh, ziehen sich durch das Leben und gelten bei Böhm als nicht veränderbar. Er beschreibt sie als Muster, die das Gehirn wie eine Plakatwand austapezieren.

Beispiele

Immer lächeln, damit kommt man durch. Lügen hilft in der Not. Weinen, damit beherrscht man alle. Autoritätsfurcht, Heimatprägung, Krankheitsgewinn, Sprachmelodie.

Ansprache und Impuls

Vertraute Regeln, Aufgaben, Rollen, Sprachmelodien und Handlungsabläufe aufgreifen. Fest verankerte Muster nicht vorschnell rational korrigieren.

Wichtig

Die Nutzung muss ethisch vertretbar bleiben.

Stufe 5: Triebe und Motive

Wo der Mensch erreichbar ist

Böhm unterscheidet leibliche Triebe (Nahrung, Sexualität, Ruhe, Bewegung) und seelische Triebe (Macht, Geltung, Einfluss, Reinheit, Heiligkeit, Schönheit, Pflicht, Demut).

Ansprache und Impuls

Das vermutete Grundbedürfnis biografisch passend ansprechen, etwa durch eine wichtige Aufgabe, ehrliche Anerkennung, ein gepflegtes Erscheinungsbild oder ein vertrautes Bewegungsangebot.

Wichtig

Solche Zuordnungen bleiben Arbeitshypothesen.

Einordnung Merke: Schmerz, Angst, Überforderung, körperliche Bedürfnisse und Umgebungsreize zuerst prüfen.

Stufe 6: Intuition

Wo der Mensch erreichbar ist

Mythen, magisches Denken, Aberglaube, Mystik und Religion. Sie können besonders bei Menschen bedeutsam sein, deren Generation Not, Krieg und Unsicherheit erlebt hat.

Beispiele

Der Schornsteinfeger als Glücksbringer, das Christkind, religiöse Symbole und Rituale, überlieferte Glücks- und Unglückszeichen.

Ansprache und Impuls

Nicht vorschnell rational korrigieren. Vertraute Symbole, Rituale, Geschichten und Vorstellungen respektvoll aufgreifen.

Stufe 7: Urkommunikation

Wo der Mensch erreichbar ist

Über elementare, körpernahe Formen der Kommunikation: Berührung, Nähe, Rhythmus, Bewegung, Stimme, sensorische Reize und ungeteilte Zuwendung.

Ansprache und Impuls

Gezielt und mit eingeplanter Zeit, nicht beiläufig während anderer Pflegetätigkeiten. Wichtig auch bei bettlägerigen, stark zurückgezogenen oder reaktionsarmen Menschen. Reines Durchbewegen der Beine reicht nicht: Gefordert sind psychologische Angebote und Seelenpflege.

Einordnung Merke: Parallelen zur Basalen Stimulation.

Kurz überlegt

Bei welcher dieser Stufen würden Sie zögern, sie in der Pflege zu nutzen? Warum?

Abschluss

Ein vollständiges Pflegemodell

Diese Seite zeigt die Grundgedanken. Böhms Modell ist aber ein vollständiges Pflegemodell mit eigenen Instrumenten zur Erhebung und Dokumentation, die hier nicht besprochen wurden.

Dazu gehören eigene Bögen zur Einschätzung des seelischen Befindens und der jeweiligen Erreichbarkeitsstufe, die Festlegung eines passenden Impulses im Pflegeteam sowie die Evaluation, ob dieser Impuls gewirkt hat.

Merke
Fortbildung, die ankommt
pflegedozent-merke.de
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