Wir alle sind verschieden
Bin ich verrückt?
Manche Menschen sind ständig aktiv, andere brauchen öfter eine Pause. Manche stehen gern im Mittelpunkt, andere lieber in der zweiten Reihe. Solche Unterschiede gehören in einer gewissen Bandbreite zum Menschsein.
Ob von einer psychischen Störung gesprochen wird, hängt nicht allein davon ab, wie stark ein Merkmal ausgeprägt ist. Es kommt auch darauf an, wie die Person selbst und ihr Umfeld damit zurechtkommen, welche Folgen es im Alltag hat und wie die Umwelt darauf reagiert. Für eine Diagnose gelten darüber hinaus die fachlichen Kriterien der jeweiligen Störung.
In der Mitte findest du Bereiche, mit denen sich die Psyche beschreiben lässt. Die Kacheln außen zeigen Fragen zur fachlichen Einordnung und zur Sicherheit in der aktuellen Situation.
Die Reaktion verstehen
Wie es ist, Stimmen zu hören oder die Orientierung zu verlieren, können wir von außen oft nur schwer nachvollziehen. Wie ein Mensch darauf reagiert, können wir nachempfinden: Wer etwas Bedrohliches wahrnimmt, bekommt vielleicht Angst. Wer sich nicht mehr zurechtfindet, sucht Hilfe oder zieht sich zurück.
Die Reaktion eröffnet uns einen Zugang zum Erleben des Menschen. Wir können ihm authentisch begegnen: seine Angst oder Überforderung ernst nehmen und ehrlich fragen, was er erlebt und was ihm helfen würde.
Die Mitte des Schaubilds
Wie lässt sich die Psyche eines Menschen beschreiben und beobachten?
Psychische Veränderungen beschreiben wir in verschiedenen Befundbereichen: etwa Wahrnehmung, Denken, Fühlen, Antrieb und Verhalten. Manche Veränderungen kann nur die Person selbst schildern; andere werden von außen sichtbar.

Wichtig: Die Befundbereiche ordnen, was eine Person erlebt und was andere beobachten. Eine Veränderung in einem Bereich ist noch keine Diagnose.
Psychopathologischer Befund
Welche Bereiche betrachten wir?
Öffne einen Befundbereich. Die Beispiele zeigen mögliche Veränderungen. Wie sie fachlich einzuordnen sind, hängt vom gesamten Bild ab.
Eine psychische Störung kann sich in mehreren Bereichen zugleich zeigen. Welche Diagnose in Frage kommt, hängt vom charakteristischen Muster der Veränderungen und den jeweiligen fachlichen Kriterien ab – etwa von Art, Dauer und Ausprägung der Beschwerden. Der am stärksten betroffene Bereich allein bestimmt die Diagnose nicht.
01 / WACHHEITBewusstseinWie klar ist jemand bei sich und in der Umgebung?
Mögliche Veränderung: Die Person wirkt benommen, schwer erreichbar oder erlebt ihre Umgebung wie verschoben.
Eine solche Veränderung kann auch körperliche Ursachen haben und muss im Zusammenhang beurteilt werden.
02 / EINORDNENOrientierungWo, wann und in welcher Situation befinde ich mich?
Mögliche Veränderung: Jemand findet sich zeitlich, örtlich, situativ oder zur eigenen Person nicht mehr sicher zurecht.
03 / AUFNEHMENAufmerksamkeit und AuffassungKann ich bei etwas bleiben und es verstehen?
Mögliche Veränderung: Die Person kann einem Gespräch schwer folgen, lässt sich leicht ablenken oder braucht länger, um Informationen zu erfassen.
04 / ERINNERNGedächtnisWas kann ich mir merken und wieder abrufen?
Mögliche Veränderung: Neue Informationen bleiben nicht haften oder Vergangenes lässt sich nicht zuverlässig erinnern.
05 / GEDANKENDenkenWie laufen Gedanken ab, und womit beschäftigen sie sich?
Ablauf: Gedanken können verlangsamt, sprunghaft oder schwer zu ordnen sein.
Inhalt: Jemand kann etwa stark grübeln oder sich von einer Überzeugung kaum lösen.
06 / SINNEWahrnehmungWas höre, sehe oder spüre ich?
Mögliche Veränderung: Eindrücke können ungewöhnlich intensiv erscheinen; manchmal nimmt eine Person etwas wahr, das andere nicht wahrnehmen.
07 / SELBSTIch-ErlebenWie erlebe ich mich und die Grenze zur Umwelt?
Mögliche Veränderung: Eine Person erlebt sich selbst oder die Umwelt als fremd; sie kann auch das Gefühl haben, Gedanken seien nicht mehr ihre eigenen.
08 / GEFÜHLEStimmung und AffektWas fühle ich, und wie verändert sich das?
Mögliche Veränderung: Eine Stimmung hält lange an, Gefühle wechseln sehr rasch oder eine Person erlebt kaum noch Freude. Das berichtete Gefühl und der sichtbare Ausdruck können sich unterscheiden.
09 / ENERGIEAntriebWie gelingt es mir, etwas zu beginnen und fortzuführen?
Mögliche Veränderung: Selbst kleine Vorhaben kosten ungewöhnlich viel Kraft; umgekehrt kann jemand auffallend gesteigerten Antrieb erleben.
10 / BEWEGUNGPsychomotorikWie zeigen sich innere Zustände in Bewegung und Körperhaltung?
Mögliche Veränderung: Bewegungen können stark verlangsamt, unruhig oder in besonderen Situationen ungewöhnlich starr sein.
11 / KÖRPERKörperliches und vegetatives ErlebenWie sind Schlaf, Appetit und körperliche Anspannung?
Mögliche Veränderung: Schlaf oder Appetit verändern sich, Herzklopfen tritt auf oder die Person spürt starke körperliche Anspannung.
Auch hier sind körperliche Ursachen mitzubedenken.
12 / AUSDRUCKSprechen und HandelnWas wird für andere sichtbar?
Beobachtbar: Sprache, Tempo, Mimik, Rückzug oder eine Handlung.
Das Sichtbare kann Ausdruck einer Veränderung sein – oder ein Versuch, mit ihr umzugehen. Wir fragen nach der Bedeutung für die Person.
Wie kann ein Muster aussehen?
Wähle ein Krankheitsbild: Die Kacheln oben markieren beispielhaft Bereiche, in denen Veränderungen auftreten können. Welche Bereiche bei einer einzelnen Person betroffen sind, ist unterschiedlich. Die Markierung ist keine Diagnose.