Komplexität

Und was bedeutet das für die Praxis?

Wer übernimmt was — und warum ist das nicht so einfach?

Die Kernaussagen

  • Pflege differenziert sich zunehmend in Qualifikationsstufen — von der Assistenz bis zur hochschulisch qualifizierten Pflege.
  • Nicht die Maßnahme entscheidet, wer sie übernimmt — sondern die Komplexität der Pflegesituation.
  • Die Pflegefachassistenz handelt selbstständig in nicht komplexen Situationen. Die Pflegefachperson übernimmt komplexe Pflege selbst — und steuert gleichzeitig die Gesamtversorgung.
  • Für die Ausbildung heißt das: nicht Tätigkeiten trainieren, sondern Handlungskompetenz aufbauen.

Nachlese: der ganze Gedankengang

01Wer macht künftig eigentlich was?›

Pflegefachassistenz, Pflegefachperson, spezialisierte/akademische Pflege — wo sehen Sie heute tatsächlich Unterschiede in Ihrer Einrichtung?

QN 3
Pflegeassistenz
→
QN 4
Pflegefachperson
→
QN 5
Spez. Fachpflege / Leitung
→
QN 6
Hochschulisch qualifiziert

Der aktuelle Interventionskatalog bildet diese Differenzierung bereits konkret ab.

02Also verteilen wir Aufgaben?›

Welche Qualifikationsstufe übernimmt was? Ein sinnvoller erster Zugang, um überhaupt ins Denken zu kommen:

KörperpflegeNahrungsaufnahmeMedikamentengabeBlutzuckerkontrolles.c. InjektionWundversorgungSchluckstörungPflegeprozesssteuerung
03Aber funktioniert das wirklich so?›

Gleiche Maßnahme, gleiche Kompetenzanforderung? Beispiel Körperpflege:

Situation A
stabil, orientiert, weitgehend selbstständig
Situation B
Demenz, Abwehr, erhöhtes Sturzrisiko
Situation C
akute Dyspnoe, deutliche Schwäche, Kreislaufinstabilität

Die Maßnahme ist gleich. Die Pflegesituation nicht.

04Jetzt kommt die Komplexität ins Spiel›
Maßnahme × Pflegesituation × Kompetenz

Komplexität kann entstehen durch:

StabilitätSelbstständigkeitRisikenVerhaltenDynamikmehrere ProblemeAbstimmungsbedarf

Das Pflegefachassistenzgesetz unterscheidet deshalb zwischen selbstständigem Handeln in nicht komplexen und Mitwirkung in komplexen Pflegesituationen.

Was heißt „komplex"? Mehr als „schwer krank":

gesundheitliche Instabilitätgeringe Selbstständigkeitkognitive/psychische Veränderungenwidersprüchliche Bedürfnissemehrere Pflegeproblemeschwer vorhersehbare Entwicklunghoher Abstimmungsbedarf

Projekt KOMPLEX: Multivariabilität · Vernetztheit · Nichtlinearität · Polytelie · Intransparenz · Dynamik

05Die neue Rolle der Pflegefachperson›

Pflegefachassistenz — nicht komplexe Situationen

  • Geplante Pflege weitgehend selbstständig durchführen
  • Beobachten, Veränderungen erkennen
  • Weitergeben
  • Eigene Grenzen erkennen

Pflegefachperson — komplexe Situationen

  • Komplexe direkte Pflege übernehmen (z. B. Schluckstörungen, instabile Schmerzen, chronische Wunden)
  • Situation fachlich einschätzen, Pflegeprozess planen/steuern
  • Aufgaben kompetenzgerecht übertragen, evaluieren
  • Assistenzpersonen anleiten

Fachlichkeit heißt nicht: alles selbst machen.

06Was heißt das für Ausbildung und Diskussion?›

Pflegefachassistenz

  • Situationen einschätzen lernen
  • Selbstständig im eigenen Kompetenzbereich handeln
  • Grenzen erkennen
  • Rechtzeitig Unterstützung holen

Praxisanleitung

  • Lernende nicht nur an Tätigkeiten heranführen
  • Unterschiedlich komplexe Situationen gezielt auswählen
  • Rollen im Qualifikationsmix sichtbar machen

Zur Diskussion — nehmen Sie eine typische Pflegesituation:

  1. Was macht sie einfach oder komplex?
  2. Was kann die Pflegefachassistenz übernehmen?
  3. Was muss die Pflegefachperson selbst übernehmen oder steuern?
  4. Wann braucht auch die Fachkraft zusätzliche Expertise (QN 5/6)?
Nach oben scrollen